Winterlandschaft

von Martin Fürst,

Hypothermie / Unterkühlung – know your Enemy

Dieser Beitrag setzt sich mit der wohl am meisten unterschätzten Gefahr im Outdoor-Bereich auseinander: Unterkühlung bzw. Hypothermie. Denn es trifft nicht nur Extremsportler in fernen Landen, besonders im Alltags- und Freizeitbereich führt fehlendes Wissen zu heiklen Situationen und leider auch viel zu oft weiter ...

Was ist Hypothermie?

Umgangssprachlich bekannt ist das "Erfrieren", ein tragisches Stadium des mehrstufigen Hypothermie-Ablaufes. Damit nicht gemeint ist das Abfrieren von kleineren oder größeren Extremitäten. Viel mehr gemeint ist die Auswirkung des Zustandes einer Körpertemperatur unter "Normal" auf Organismus, Kreislauf, Psyche, Verhalten und Lebensfunktionen. Ein Wissen um die Erscheinungsformen der Hypothermie, eine Vorsorge und Vorbereitung, um auf die Umstände einer beginnenden Unterkühlung zeit- und situationsgerecht einzugehen und entgegenzuwirken, kann jedem, und nicht nur Menschen, die ihre Freizeit gerne abseits der Wege verbringen, vor schlimmeren Ausgängen von Notsituationen bewahren.

Unser Körper hat eine normale Kerntemperatur von ca. 36°C. Definitionsmäßig spricht man erst ab einem Absinken der Kerntemperatur von 2°C von beginnender Unterkühlung - das macht sich aber schon durch deutliches Frösteln bemerkbar und wäre in einer Outdoor- / Wildnis-Situation schon ein kritisches Alarmzeichen, welches unbedingter Handlung bedürfte. Wie auch immer es nun definiert wird, Faktum ist, dass unsere Körper, ausgestattet mit relativ großer Oberfläche, sehr leicht und schnell auskühlen, wenn sie den Elementen ausgesetzt sind. Bei Außentemperaturen unter 28°C schafft der Körper es nicht, die normalen 36°C Kern-Körpertemperatur aufrecht zu erhalten. Und das kann überall passieren, im Dschungel, in der Wüste, in der Stadt und erst recht im Wald, am Berg, im Winter, im Wasser ...

Schafft es der Körper somit nicht, die an die Umgebung abgegebene Energie durch Eigenproduktion auszugleichen, oder zu bewahren, oder zuzuführen - wird die Körpertemperatur sukzessive sinken. Dieses Absinken der Temperatur in Extremitäten und Kernbereichen des Körpers führt zu gewissen Auswirkungen auf organischer und physiologischer Ebene, aber auch auch psychisch und wahrnehmensseitig. Dieser Ablauf ist immer gleich, er kann sich über Tage verteilen oder innerhalb von nur wenigen Minuten, je nach Verhältnissen und Voraussetzungen.

Das soll heißen, dass der Ablauf bei langsamem Auskühlen über drei Tage den selben Gesetzmäßigkeiten und Erscheinung folgt, wie wenn du in Eiswasser einbrichst und in 15 Minuten das Bewusstsein verlierst. Ferner soll es verdeutlichen, dass ein "moderner", unvorbereiteter Mensch auch bei +5/+10°C erfrieren kann!

Maßgeblich beeinflussende Faktoren

  • Ausgesetztheit gegenüber den Elementen, besonders Wind (Windchill!), Regen/Luftfeuchtigkeit, niedrige Temperaturen
  • Ausgelaugter, erschöpfter Zustand - körperlich und /oder psychisch (Panik, Krankheit, Schock, Überanstrengung, Überforderung,...)
  • unzureichende Schutz-Bekleidung
  • unzureichende Schutz-Behausung/Shelter
  • zu wenig oder ungeeignete Nahrung (Hunger)
  • zu wenig Wasser - Dehydration
  • zu wenig Wissen und unzureichende Vorbereitung

Nun mag man ja einwerfen, dass wir ja bei Nährstoff-Überschuss an Körperfett zulegen – wärmt denn dieses nicht auch? Nun es stimmt, dass wir auch subcutan eine Fettschicht einlagern, diese ist allerdings bei den meisten Menschen nicht dazu geeignet, uns warm zu halten. Was der menschliche Körper auf Lager hat ist zum Beispiel die Gänsehaut, es heißt es ist eine Hautbewegung zum Aufstellen der Körperhaare, um mehr isolierende Luft einzufangen, ein Relikt also aus unser behaarten Fell-Zeit. Aber auch das unbewusste Zittern, oder können wir uns bewusst bewegen – aber all diese Aktionen kosten „on the long run“ mehr Energie als sie bringen.

Ergänzend zu erwähnen ist auch der Umstand, dass der Körper nicht oder sehr langsam auskühlt, wenn das ihn direktest umgebende Medium in etwa die selbe Temperatur hat wie der Körper. Es entsteht so eine Art Pufferschicht um den Körper. Das ist das Geheimnis der Isolation. Isolierende Bekleidung, je nach herrschenden Bedingungen, vom T-Shirt bis zur Daunenjacke, sorgen dafür, dass diese Schicht nahe der Hautoberfläche auf Temperatur bleibt. Ist dies der Fall, fühlen wir uns wohl. Wind kann diese Schicht aber zum Zusammenbrechen bringen, weshalb wir selbst eine leichte Brise als kühlend empfinden. Noch massiver ist der Einfluss von Feuchtigkeit in diesem Zusammenhang: Feuchte oder gar nasse Bekleidung lässt dich doppelt so schnell auskühlen. Ganz massiv ist ein Sturz in kaltes Wasser: Wasser entzieht dem Körper 26mal mehr Energie als Wind!

Körper-Reaktionen bei Hypothermie

Wir Menschen sind während des Prozesses des Auskühlens nur kurze Zeit in der Lage aktiv und bewusst auf den Zustand zu reagieren und geeignete Maßnahme zu überlegen und zu ergreifen. Nochmals – unsere normale Kerntemperatur ist 36°C – ab einer auf ca. 28 bis 32°C gesunkenen Körpertemperatur sind wir nur mehr unter sehr glücklichen oder willensstarken Umständen in der Lage, aktiv unsere Umstände zu verändern! NUR VIER GRAD CELSIUS WENIGER!

Beginnt die Körpertemperatur zu sinken, geschieht dies nicht gleichmäßig in allen Körperteilen. Auch hier hat die Natur uns mit einem kleinen Trick ausgeholfen. Durch eine Art „Schranke“ sind wir in der Lage die Temperatur zuerst in den Fingern, Zehen, Armen und Beinen absinken zu lassen, um möglichst lange die Kerntemperatur in Brust- und Magen- und Kopfbereich aufrecht zu halten.

Das folgende Einteilungs-System ist angelehnt an die im Buch „Outdoor-Medizin“ von Joe Vogel vorgestellte Klassifizierung.

Abwehrstadium

Beginnende Unterkühlung

  • Kerntemperatur 35° bis 37°C
  • stärkeres Kälteempfinden, Frösteln, Bibbern, Zittern
  • volles Bewusstsein, volle Handlungsfähigkeit

Leichte Unterkühlung

  • Kerntemperatur 32° bis 35°C
  • starkes Zittern, beschleunigter Puls,beschleunigter Atem, deutliche Minderdurchblutung der Extremitäten, deutlich weniger Gefühl in Zehen, Fingern, Armen und Beinen
  • bereits stark verschlechterte Wahrnehmung und verschlechtertes Urteilsvermögen

Bis hierher ist es vielleicht nicht lustig, aber noch ist alles im grünen Bereich.

Was jetzt kommt ist ALARMSTUFE ROT!

Erschöpfungsstadium

Mittlere Unterkühlung

  • Kerntemperatur 28° bis 32°C
  • !!! Zittern hört auf, Puls verlangsamt sich, flacher Atem !!!
  • Kälte-Idiotie (manche ziehe sich weiter aus), gravierende Fehlentscheidungen, akute Lebensgefahr, nicht einschlafen

Starke Unterkühlung

  • Kerntemperatur unter 28°C
  • tiefe Bewusstlosigkeit, Kreislaufstillstand
  • ohne intensiv-medizinische Hilfe ist Regeneration extrem schwierig

Somit ist warm bleiben von zentraler Bedeutung!

  • Wärme halten
  • Wärme zuführen

Empfehlenswertes Buch:

Outdoor- und Survivalmedizin von Joe Vogel:
http://amzn.to/1QduM3K

Buchcover Outdoor- und Survivalmedizin von Joe Vogel
Outdoor- und Survivalmedizin von Joe Vogel

Zurück